Ein bisschen Goethe, ein bisschen Faust

Posted on Januar 1, 2008. Filed under: Allerlei-liches | Tags: , , |

Normalerweise bin ich ja nicht so sehr DER Liebhaber von alten Geschichten mit alter Sprache. Aber was wirklich wirklich genial ist meiner Meinung nach: Goethes Faust, die ersten Szenen. Sie haben so irre viel Aussagekraft und Witz, das ist einfach unglaublich.

Hier ein paar kleine Ausszüge, meine Lieblingsstellen vom Anfang:

Alleine schon wie das Stück beginnt:
Der Direktor unterhält sich mit seinem Dichter und einer lustigen Person. Und jeder hat zu beginn eine andere Einstellung zum Thema: Theater.

Direktor:
“Ich wünsche sehr der Menge zu behagen,
besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagenm
und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
gelassen da und möchten gern erstaunen.
(…)
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
un mit gewaltig wiederholten Wehen
sich durch die enge Gnadepforte zwängt,
bei hellem Tage, schon vor Vieren,
mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren
um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
der Dichter nur; mein Freund, o! tu’ es heute!”

Diese gewaltige Bildsprache ist einfach unerreichbar. Das wartende Publikum so als gierende Meute darzustellen, die nach allem giert und lechzt.

Eine weitere sehr schöne Stelle: Die nächste Szene: Die drei großen Engel Raphael, Gabriel und Michael preisen Gott und seine Schöpfung. Dann kommt Mephistopheles zum Wort:

“Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
und fragst wie alles sich bei uns befinde,
und du mich sonst gewöhnlihc gerne sahst,
so siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
hätt’st du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn- und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd’ er leben,
hätt’st du ihm nicht den Schein des Himmellichts gegeben;
er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
mir tierischer als jedes Tier zu sein.”

Später einmal dann verwandelt sich Mephistopheles als Faust, und redet mit dem Schüler von Faust:

“Mein teurer Freund, ich rat’ euch drum
zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist euch wohl dressiert,
in spanische Siefeln eingeschnürt,
daß er bedächteiger so fortan
hinschleiche die Gedankenbahn,
und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man euch manchen Tag,
daß, was ihr sonst auf einen Schlag
getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sein.
Zwar ist’s mit mit der Gedanken-Fabrik
wie mit einem Weber-Meisterstück,
wo ein Tritt tausende Fäden regt,
die Schifflein herüber hinüber schießen,
die Fäden ungesehen fließen,
ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
Der Philosoph der tritt herein,
und beweis’t euch, es müßt’ so sein:
Das Erst’ wär so, das Zweite so,
und drum das Dritt’ und Vierte so;
und wenn das Erst’ und Zweit’ nicht so wäre’,
das Dritt’ und Viert’ wär’ nimmermehr.
Das preisen die Schüler aller Orten,
sind aber keine Weber geworden.
(…)
Nachher, vor allen andern Sachen,
müßt ihr euch an die Metaphysik machen!
Da seht daß ihr tiefsinnig faßt,
was in des Menschen Hirn nicht paßt;
für was drein geht und nicht drein geht,
ein prächtiges Wort zu Diensten steht.
Doch vorerst dieses halbe Jahr
nehmt ja der besten Ordnung wahr.
Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
Habt euch vorher wohl präpariert,
Parapraphos wohl einstudiert
(…)
(zu: Rechtsgelehrsamkeit)
Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich sich Gesetz’ und Rechte
wie eine ew’ge Krankheit fort;
sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
weh dir daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
von dem ist leider! nie die Frage.”

Diese Stellen haben so herrlich Aussagekraft. Wer einmal etwas anspruchvolles, gutes, teils witziges lesen möchte, dem sei Faust nur wärmstens empfohlen.
Ich könnte hier über Faust eine eigene Blogseite aufmachen, so extrem umfangreich ist das Buch und seine Aussagen. Aber egal, das hier sollte eh eher mehr als: Lust auf mehr dienen…

alsdann, einen schönen start ins neue Jahr 2008
UND: Österreich for Europameister *lach*

mfg
daniel

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2 Responses to “Ein bisschen Goethe, ein bisschen Faust”

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Jap, wortwitzig und geistreich ist Faust I (II hab ich leider noch nicht gelesen) man muss nur für ironie, Zweideutigkeit und Sakrkasmus offen sein, damit man Mephisto auch versteht ;)

lalia
Juni 11, 2008

Ich habe den zweiten auch nicht gelesen. Habe aber so manche sagen hören dass der nicht an den I. heran kommen soll…

darkmour
Juni 11, 2008

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